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Geschichten aus 60 Jahren UNICEF

Es begann mit Milch, Fett und Lebertran

© unicef
UNICEF ist ein Kind des zweiten Weltkrieges. Am 11. Dezember 1946 gründete die Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York ihr Kinderhilfswerk, um Kindern im vom Krieg zerstörten Europa, in Palästina und in Asien zu helfen. Vorläufer war die UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration). Die ersten Hilfsprogramme starteten in Frankreich, Polen und Ungarn.

Wie aber stand es um die deutschen Kinder? Sollte man der nachwachsenden Generation des besiegten Feindes ebenfalls Hilfe zukommen lassen? Im Verwaltungsrat von UNICEF in New York wurde dieses Thema zunächst kontrovers diskutiert. Aber ein Bericht einer UNICEF-Kommission aus den drei westlichen Besatzungszonen in Deutschland führte plastisch das Elend der deutschen Kinder vor Augen: Unterernährung, schwerer Husten und Angst kennzeichneten ihre Gesichter.

Als erste Hilfslieferung wurden 516 Tonnen Lebertran nach Deutschland importiert, die zusammen mit 56 Millionen Vitamin-Kapseln an die Gesundheitsämter verteilt wurden. Dann lieferte UNICEF Rohstoffe zur Anfertigung von Kinderkleidung und Kinderschuhen. Allein bis 1950 wurden aus den bereit gestellten Rohstoffen 350.000 Paar Schuhe, 500.000 Paar Strümpfe, 200.000 Wintermäntel, 100.000 Wäschegarnituren, 45.000 Pullover und 25.000 Trainingsanzüge für bedürftige deutsche Kinder hergestellt. Eine originelle Idee, um Spenden für UNICEF zu fördern, hatte die amerikanische Regierung. Jede Spende im Geld- oder Warenwert von 28 Cent aus irgendeinem Land der Welt rundete sie auf einen Dollar auf.

Schon früh setzte UNICEF darauf, Fachkräfte auszubilden. So schickte UNICEF deutsche Kinderärzte und Krankenschwestern auf internationale Schulungen und Kongresse, damit sie Anschluss an den internationalen Standard finden konnten. Mit Spenden aus Schweden wurden zum Beispiel auch acht große Lehrlings-wohnheime für Flüchtlinge eingerichtet.

Anfang der 50er Jahre, als die größte Not nach dem zweiten Weltkrieg beseitigt war, wendete sich UNICEF den Kindern in den ärmsten Ländern der Welt zu und organisierte Kampagnen gegen Malaria in Indien und Sri Lanka, Typhus in Peru, die Tuberkulose im Iran. Allein zwischen 1950 und 1954 wurden im Kampf gegen die Tuberkulose in 80 Ländern von Jugoslawien bis Indonesien über 90 Millionen Kinder untersucht. 1955 behandelten mobile Gesundheitsteams von UNICEF jeden Monat 100.000 Fälle von Himbeerpocken.

Viele Regierungen unterstützten die Arbeit von UNICEF durch freiwillige Beiträge – doch längst nicht alle. So schrieb die Stuttgarter Zeitung am 31.10.1955: „In Erkenntnis der Wichtigkeit der UNICEF-Arbeit spenden manche Regierungen hohe Beiträge. Die deutsche Bundesregierung gehört leider nicht dazu. Denn während zum Beispiel Belgien 1954 umgerechnet 10 Pfennig auf den Kopf seiner Bevölkerung gab, wendete sie nur einen Pfennig auf.“ Um für die Arbeit von UNICEF in der deutschen Bevölkerung und bei der Bundesregierung zu werben, gründeten deshalb engagierte Bürger am 30.6.1953 das Deutsche Komitee für UNICEF in Köln.

Maurice Pate – der Gründungsvater

Erster Direktor von UNICEF war der Amerikaner Maurice Pate. Über zwei Jahrzehnte prägte er wesentlich Arbeitsstil, Politik und Erscheinungsbild der Organisation. Pate hatte während des Krieges für humanitäre Hilfsprogramme in Polen und in Belgien gearbeitet. Obwohl er in den höchsten Regierungskreisen verkehrte, blieb er bodenständig und bescheiden. Als die Luftfahrtgesellschaften die Touristenklasse einführten, wies er alle UNICEF-Mitarbeiter an, diese zu benutzen. Mit dem Erfolg, dass die Empfangskomitees, die ihren roten Teppich vorne ausgelegt hatten, die UNICEF-Delegation verpasste, da sie hinten ausstieg.

Pate war es auch, der den ersten UNICEF-Botschafter entdeckte. Anfang der 50er Jahre saß er zufällig neben dem Komiker Danny Kaye auf einem Flug von London nach New York. Über dem Atlantik fing plötzlich ein Triebwerk Feuer. Es war ungewiss, ob die Maschine den Weg zum Festland noch schaffen würde. Doch Pate schien das nicht zu beunruhigen. Während das Flugzeug umkehrte und langsam nach Irland zurückflog, erzählte er Kaye unbeirrt von Kindern und von UNICEF. Als die Maschine sicher gelandet war, hatte UNICEF den ersten „Botschafter des guten Willens“.
                      
Die Erfindung der Grußkarte

Genauso bekannt wie seine Hilfsprogramme sind heute die UNICEF-Grußkarten. Ihre Geschichte begann 1949 mit einem kleinen Mädchen in einem böhmischen Dorf. Als Dank für die Hilfe beim Wiederaufbau schickte die siebenjährige Jitka Samkoya UNICEF ein selbst gemaltes Bild auf Glas. Zu sehen war ein bunter Maibaum, um den fröhliche Kinder tanzen. Über Wien gelang das Bild nach New York und wurde wenig später als Motiv für Tausende von UNICEF-Weihnachtskarten verwendet: Die erste UNICEF-Grußkarte war geboren. Wenig später griffen viele Künstler die Idee auf und zeichneten Motive für die UNICEF-Grußkarte – darunter so berühmte Maler wie Picasso, Dufy und Matisse.

Die Idee mit der Grußkarte, ein alle Religionen und Völker übergreifendes Zeichen zu setzen, hatte im kalten Krieg durchaus eine politische Seite. In den 50er Jahren, als in den USA überall kommunistische Umtriebe vermutet wurden, zirkulierten dort Papiere über den angeblichen „Roten Einfluss bei UNICEF“ und die Organisation „Daughters of the American Revolution“ (DAR) verurteilte UNICEF gar wegen des „gottlosen und unchristlichen Charakters“ seiner Glückwunschkarten. Die Karten seien das Resultat „eines von den Kommunisten inspirierten Planes zur Zerstörung der Religionen“. Die damalige First Lady, Jacqueline Kennedy, beendete diese Diskussion kurzerhand. Sie ließ bekannt geben, dass sie selbst auch UNICEF-Grußkarten verschicke. Eine bessere Werbung gab es nicht: Der Absatz der Grußkarten schnellte daraufhin nach oben.

Irgendwann gelang es der Grußkarte sogar, den Eisernen Vorhang zu überwinden: In der ehemaligen DDR gehörte sie zur so genannten „Bückware“. Das heißt, es gab sie auf Anfrage unter dem Ladentisch. Noch immer hat die UNICEF-Grußkarte in Deutschland eine besonders treue Fangemeinde. Nirgendwo auf der Welt werden so viele Karten verkauft wie hierzulande: 17 Millionen sind es jedes Jahr.

Die UNICEF-Botschafter

UNICEF hat sich von Anfang an das Ziel gesetzt, überall die breite Bevölkerung dazu zu bringen, für die Rechte der Kinder einzutreten. Mindestens ebenso wie auf Spezialwissen und Professionalität kommt es dabei auf die Fähigkeit an, nicht nur die Köpfe, sondern auch die Herzen der Menschen zu gewinnen.

Hierbei leisten zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens entscheidende Hilfe. Sie lenken als ehrenamtliche UNICEF-Botschafter das Scheinwerferlicht, in dem sie stehen, auf die Kinder, die oft übersehen werden. Von Harry Belafonte, Vanessa Redgrave, Roger Moore bis hin zu Shakira, Angelique Kidjo, Lang Lang und David Beckham reicht heute der Reigen der internationalen UNICEF-Botschafter. Roger Moore brachte diese Aufgabe auf den Punkt: „Ich bin eine Nervensäge zum Wohle der Kinder“.

Einer der bekanntesten Botschafter war der 2004 verstorbene Sir Peter Ustinov, der in Deutschland besonders viele Freunde hatte. Das Multitalent war auch bei den Kindern enorm beliebt. In einem chinesischen Dorf verfolgte er einmal, wie Mädchen und Jungen gegen Kinderlähmung geimpft wurden. Ein älterer Chinese versuchte, ihnen die Pillen mit einer silbrigen Pinzette in den Mund zu stecken. Das wenig liebliche Äußere des Mannes trug neben dem spitzen, kalten Gegenstand dazu bei, dass die Kinder vor Angst zu schreien begannen. Als das Heulen kein Ende nehmen wollte, bat Ustinov den Chinesen, ihm beim Verteilen des Impfstoffes helfen zu dürfen. Ustinov legte die Pille auf einen grünen Plastiklöffel. Zur Überraschung des Chinesen hörten die Kinder sofort auf sich zu wehren und schluckten brav ihre Medizin. Ustinov kommentierte sein Eingreifen mit den Worten: „Jedes Mal, wenn sich mein Zahnarzt mit einem verdächtig silbrig schimmernden Gegenstand meinem Mund nähert, würde ich am liebsten aus vollem Hals schreien.“

Fortschritt für Kinder

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UNICEF arbeitet aber nicht nur für Kinder, sondern immer mehr auch mit ihnen. Überall auf der Welt setzen sich immer mehr Kinder und Jugendliche selbst für ihre Rechte ein. Sie machen in Albanien, Uganda oder den palästinensischen Autonomiegebieten Radio oder Fernsehen. Sie wirken in Ostimor oder Brasilien in Kinderparlamenten und helfen in Ruanda oder Sierra Leone Menschenrechtsverletzungen aufzuarbeiten. Beim Weltkindergipfel 2002 in New York rief der 13-jährige Gabriela Azurdury aus Bolivien den Regierungschefs und Ministern entgegen „Ihr nennt uns die Zukunft. Aber wir sind auch die Gegenwart“. In Deutschland beteiligten sich allein im vergangenen Jahr über 6.500 Kinder und Jugendliche an Aktionen, um sich als UNICEF-Juniorbotschafter für die Rechte ihrer Altersgenossen stark zu machen. Sie zeigen, dass UNICEF auch nach 60 Jahren jung geblieben ist.

„Die Welt ist zwar nur wenig gerechter geworden. Aber für Politiker wird es immer schwieriger, Unrecht zu rechtfertigen. Das nennt man Fortschritt“, erklärte Peter Ustinov kurz vor seinem Tod.

Unicef in Zahlen und Fakten
Quelle: unicef